Mittwoch, 16. November 2016

Warum herkömmliches Sprachenlernen (für die meisten SchülerInnen) nicht funktioniert?

https://birkenbihldenkt.wordpress.com/2008/09/07/warum-herkommliches-sprachenlernen-fur-die-meisten-schulerinnen-nicht-funktioniert/  (PDF-Download)

von Vera F. Birkenbihl

Beginnen wir mit zwei Fragen:
  1. „Was muß sich ändern, damit unsere Schulen besser werden und unseren Kindern bessere Chancen für die Zukunft bieten?“                                                                                                      Was antworten Sie?  (Wir kommen gleich darauf zurück.)
  2. Angenommen bei einer McKinsey-Durchleuchtung stellt sich heraus, daß eine Firma in einem bestimmten Bereich seit Jahren hohen Ausschuß produziert. Deshalb schreibt man rote Zahlen, was das Gesamtergebnis negativ beeinflußt. Was glauben Sie, wird man nun unternehmen?                                                                                                                                       a. man wird die Verfahren überprüfen                                                                                                                                                                                                                                                                                     b. man wird bei Wettbewerbsunternehmen schauen, wie sie vorgehen                                                                                                                                                                                                                     c. man wird recherchieren, ob es neue Forschungsergebnisse gibt, die helfen können
    d. man wird nichts unternehmen, d.h. so weitermachen wie bisher.
Beantworten wir Frage 2 gleich: Egal ob man a. und/oder b. und/ oder c. (oder alle drei Verfahren) durchläuft – man wird etwas unternehmen! In Wirtschaft und Industrie ist es völlig normal, die Methoden zu hinterfragen, wenn die Ergebnisse nicht zufriedenstellen. Aber diese Fabrik steht leider stellvertretend für unsere Regelschulen! Diese besitzen nämlich die amtliche Erlaubnis, weiterzumachen wie bisher und im Jahre 8 nach dem (ersten) PISA-Schock nach wie vor zu behaupten, alle anderen seien Schuld: von de-motivierten (aufsässigen, faulen) SchülerInnen über ungenügend engagierte Eltern oder Migrantenproblemen (bei Schülerinnen wir Eltern!) bis hin zu den Politikern – alle seien schuld, nur sie nicht.
Zur ersten Frage: Mein Institut hat diese Studie durchgeführt. Das Ergebnis ist äußerst erhellend: „Gemischte“ Teilnehmergruppen waren sich zu ca. 70% einig, was sich ändern müßten: UNTERRICHT bzw. LEHRKRÄFTE (die wir in eine Kategorie sortiert haben). Bei reinen Lehrer-Gruppen hingegen fielen nur knapp 30% der Antworten in diese Kategorie, bei 70% sollten sich ändern: PolitikerInnen, Eltern, SchülerInnen, RektorInnen, manchmal sogar KollegInnen (und diese Forderung bezog sich weitgehend auf den Umgang mit der Person, die den Fragebogen ausfüllte und fast niemals auf den Unterricht jener KollegInnen).
Um die Schulmisere der REGELSCHULEN auf den Punkt zu bringen, zeige ich die Problematik exemplarisch am Beispiel des SPRACHENLERNENS auf, ähnliches gilt für andere Fächer:
  1. Die meisten SchülerInnen erzielen in Fremdsprachen nicht die besten Noten, weil Pauken (Vokabeln oder Grammatik-Regeln) nicht gehirn-gerecht ist, d.h. der Arbeitsweise des Gehirns entgegenarbeitet. Deshalb bringt Pauken nur wenig (Details folgen).
  2. Viele Menschen haben trotz jahrelanger Quälerei regelrechte Angst vor Auslandsaufenthalten (z.B. für ihre Firma), weil sie die Sprache eben NICHT fließend sprechen (und schon gar nicht denken) können.
  3. In Deutschland wird mit Abstand das meiste Geld für Nachhilfestunden (Deutsch und Fremdsprachen) ausgegeben, also genaugenommen ZWEIMAL für SPRACHEN-UNTERRICHT.
  4. Diese Nachhilfestunden werden in der Regel nicht ab und zu (tage- oder wochenweise) gebucht, sondern meist für lange Zeiträume, oft sogar für mehrere Jahre. Es hat sich gezeigt, daß die SchülerInnen nur solange besser sind, wie ihnen geholfen wird, daß sie aber sofort wieder zurückfallen, wenn die Hilfe aufhört.
  5. Die meisten SitzenbleiberInnen haben mindestens eine ihrer Fünfer in einem Sprach-Fach, wobei viele die Schmach des Sitzenbleibens ihr Leben lang nicht verwinden werden! Das heißt, hier schädigt man Menschen LEBENSLANG, ohne über die Methode nachzudenken!
  6. Ähnlich ist es, wenn wir Erwachsenen anbieten, freiwillig (noch einmal) mit einer Fremdsprache anzufangen (ohne Druck, ohne Prüfungen etc.). Selbst wenn der Kurs (z.B. firmenintern) NICHTS oder (z.B. auf der VHS) nur WENIG kostet, lehnen die meisten dankend ab. Außerdem wissen Sprachlehrkräfte, daß sie mit 30 TeilnehmerInnen beginnen müssen, wollen sie den Kurs noch mit ca. 10 – 15 beenden.
Nun könnte man schlußfolgern: Sprachenlernen muß extrem schwierig sein, weil so viele Leute damit Probleme haben. Anscheinend benötigt man dafür ein SPEZIAL-TALENT, das den meisten Menschen fehlt, ähnlich wie bei Mathematik, womit sich auch die meisten „schwertun“. Wenn SchülerInnen (wie VHS-KursbesucherInnen) die Möglichkeit hätten, mit den Füßen zu wählen, dann wären wohl viele Klassenzimmer regelmäßig (fast) leer. Wenn es aber nicht das Sprachlern-Talent ist, dann muß ein anderer Faktor ausschlaggebend sein. Wie der Harvard-Professor Dave PERKINS (in: Outsmarting I.Q.: Learnable Intelligence) feststellt: ÄNDERN WIR DIE METHODE, WERDEN DIE LEUTE PLÖTZLICH INTELLIGENTER.Wenn wir also dasselbe tun wie alle Branchen (außer Regelschulen), dann müssen wir die Verfahrensweisen hinterfragen. Damit begann ich vor ca. 40 Jahren. Es dauerte fast 20 Jahre, bis ich meinen neuen Ansatz via Versuch und Irrtum entwickelte (erste Publikation 1984). Interessanterweise beißen vor allem Leute an, die aufgrund des beruflichen Wettbewerbs GEZWUNGEN sind, ihre Sprachfähigkeiten zu verbessern, aber auch LehrerInnen an privaten Instituiionen oder solche, die Nachhilfe geben. Aber von Regelschul-Lehrkräften gibt es seit Jahrzehnten nur Ärger. Deshalb rate ich allen, die es wagen, einen Versuch zu starten, es Lehrkräften sicherheitshalber NICHT zu erzählen, denn man muß zwei Dinge tun, die LehrerInnen auf den Tod nicht ausstehen können: 1. muß man dem Unterricht ein wenig voraus sein, damit man im Unterricht nicht (weiter) leidet. Meine Sprachlern-Methode hat vier Schritte, der vierte (sprachliche AKTIVITÄTEN) geht mit dem Unterricht einher. Deshalb müssen SchülerInnen die Schritte 1 – 3 VORAB durchlaufen. Normalerweise fordert nämlich die Schul-Lehrmethode im Unterricht mehre Faktoren gleichzeitig, was das Lernen fast verunmöglicht, während dieselben Faktoren nacheinander (Schritt für Schritt) sehr leicht zu meistern sind. Was viele SprachenlehrerInnen auch nicht wissen: Eine Sprache zu beherrschen ist eine TÄTIGKEIT, muß also eher wie eine Sportart trainiert werden, nicht indem wir dauernd nur darüber reden (von Grammatikregeln bis zu isolierten Grammatik-Übungen, die erst halbwegs interessant werden, wenn man den Stoff bereits beherrscht!!).
Deshalb trennen wir diese TÄTIGKEITEN: Im 1. Schritt wollen wir be-GREIFEN, damit wir den Stoff in den GRIFF bekommen. Im 2. Schritt lernen wir, das Klangbild mit der Bedeutung des Wortes zu assoziieren; im 3. Schrittlegen wir die NERVENBAHNEN im Gehirn an, damit wir im 4. Schritt AKTIV mit den Inhalten umgehen können. Jetzt werden Tätigkeiten sinnvoll, die im normalen Unterricht viel zu früh gefordert werden, wie Sätze (NACH-)SPRECHEN, VORLESEN, über den Inhalt REDEN, FRAGEN zum Text formulieren oder beantworten, PATTERN DRILLS etc. Falls Sie wich wundern, wann man bei meiner Methode Vokabeln paukt, Antwort: Überhaupt nicht. Wer es nicht glaube, solle einen Versuch wagen! Beginnt man zu früh mit diesem AKTIVITÄTEN, dann kann das Gehirn (dem die betreffenden NERVENBAHNEN noch fehlen) leider noch nicht „dienen“ und der Gehirn-Besitzer kommt sich doof vor oder hält sich für unbegabt, dabei wird er oft erheblich im Selbstwertgefühl getroffen. Das hat etwas mit der Würde eines Menschen zu tun. Wir erzählen Asiaten ja so gern, daß sie die Menschenwürde ihrer BürgerInnen nicht achten, aber das Recht der SchülerInnen, unverletzt zu bleiben, ist auch ein Menschen-RECHT. Wenn man bedenkt, wie viele Kinder krank vor Schulangst sind, daß die Zahl der SchulschwänzerInnen jedes Jahr zunimmt wie auch die Zahl jener, die sich in der Schule sehr oft quälen müssen, weil das durch den Streß ausgelöste Cortisol zu Denk-Blockaden führt und dieser Neurotransmitter das Lernen zunehmend ver-UNMÖGLICH-t. Demzufolge hat das, was in EINER Klasse passiert, großen Einfluß auf andere Fächer. Wenn jemand in einer (oft sogar in zwei) Sprache/n versagt, dann wirft das lange Schatten auf andere Unterrichtsstunden! Deshalb lernen viele SchülerInnen lieber privat, von sportlichen Aktivitäten bis zu (Computer-)Rollenspielen (die teilweise sehr komplex sind), weil sie hier als Gehirn-BENUTZER leicht lernen und weil niemand sie zwingt, Tätigkeiten auszuführen, für die sie die NOTWENDIGEN NERVENBAHNEN im Gehirn NOCH NICHT aufbauen konnten. Schritt-für-Schritt eben. Deshalb gehen SchülerInnen, die meine Methode TROTZ SCHULE einsetzen, dem Unterricht mit den Lern-Schritten 1 – 3 VORAUS, damit sie bereit und fähig werden, im Unterricht das zu tun, was die Schule fordert, wenn diese Lektion „drankommt“.

Worin aber besteht nun diese Vorarbeit (die man gut auch in der Gruppe machen kann)?

Nun, hier gilt es, etwas zu tun, wozu viele SchülerInnen intuitiv neigen: Es geht um das wörtliche Übersetzen im 1. Lernschritt: Achtung, diese wort-wörtliche Übersetzung wird von vielen Lehrkräften VEHEMENT bekämpft! (Deshalb lassen wir die fotokopierte Version zuhause, wir brauchen sie ja nur VORÜBERGEHEND).
WAS MAN BRAUCHT:
  1. Text: bei Unterricht ist das TEXTBUCH in der Regel vorgegeben; Erwachsene können mit irgeneinem Sprachkurs einen Versuch machen. Diesen Text fotokopieren wir mit mindestens 200%. Notfalls die erste Vergrößerung nochmals vergrößern). Dadurch wird nicht nur die Schrift wesentlich größer (Textbücher-Schriften sind prinzipiell für Lernende zu klein!) sondern auch die Abstände zwischen den Zeilen, so daß wir unter jedes Wort etwas schreiben können (das passiert im ersten Lernschritt).
  2. GESPROCHENE VERSION: Die meisten Schulbücher bieten auch Audio-CD.s zu den Lektionstexten an, auch wenn viele Lehrkräfte dies verschweigen. Bitte auf der Cip-Seite nachsehen, sie befindet sich ganz vorne oder ganz hinten (die Seite mit viel Kleingedrucktem). Dort sehen Sie u.a. auch das Publikationsjahr und die ISBN-Nummer des Buches. Auch das Hörmaterial hat in der Regel eine ISBN-Nummer, damit kann man es bei jeder Buchhandlung beziehen. Falls es im Einzelfall wirklich keine gesprochene Lektionstexte gibt, sollte man jemanden suchen, dessen Muttersprache unsere Zielsprache ist, und die Texte LESEN LASSEN (denken Sie an Studenten aus jenen Ländern). Das kostet immer noch weniger als wochen- oder monatelange Nachhilfestunden. Bei „toten“ Sprachen wie Latein kann man auch selber vorlesen, da ja kein Römer unsere Aussprache mit seiner vergleichen kann. Apropos Latein: Auch hier liege ich im Clinch mit vielen Latein-Lehrern: Ich schlage vor, nach e und i immer „z“ zu sprechen, also nicht [KIKERO] sondern [ZIZERO] und zwar aus einem einfachen Grund: Damit nähern wir uns sowohl allen romanischen Sprachen als auch dem Englischen (das viel Lateinisches = heute Romanisches enthält), erkennen also solche Wörter sofort (cinema, cinnamon, circa, circle, cipher, circular, circulate, circus, circumspect, cistern, civic, civilian etc.) während die Aussprache mit „k“ (wie bei KAISER) fast nie hilfreich ist: kinema? kirkus? kipher? (erinnert eher an „kiffen“). Übrigens sollten wir dieses „c“ als „ß“ umschreiben, da es einem „scharfen s“, keinem stimmhaften „s“ gleicht. Deshalb heißt das berühmte Hotel in Las Vegas Cesar‘s Palace (sprich: [ßiisars]) und nicht etwa [Kesar‘s Palak].

VORGEHEN:

SCHRITT 1: Statt Vokabeln zu PAUKEN

Wir übersetzen Wort-für-Wort, indem wir UNTER das jeweilige Wort schreiben.h nenne es „DE-KODIEREN“ (weil wir den Code der fremden Sprache knacken). Alle Wörter müssen exakt untereinander stehen! Beispiel:
Mary      told            him     what       had        happen.
Mary      erzählte   ihm     was         hatte     passiert.
(Ja, man darf sich durchaus amüsieren!)
Wir de-kodieren alles, was wir de-kodieren KÖNNEN (bzw. wir markieren ein Wort mit Leuchtstift, wenn wir mit einem Blick erkennen, daß eine De-Kodierung hier unnötig ist). Wir benützen die Vokabel-Liste übrigens nur zum NACHSCHLAGEN (nicht zum Pauken!) bzw. wir konsultieren andere Stellen, wie Wörterbuch und Internet. Hier gibt es inzwischen mehrere Sites für die wort-wörtliche Übersetzung, es wird also immer leichter…

SCHRITT 2: HÖREN/AKTIV

Wir hören uns diesen Text mehrmals an. Dabei folgen unsere Augen der De-Kodierung (das Lesen des fremden Textes ist erst der 4. Schritt!). Am Ende von Schritt 2 ist es für unser Gehirn egal, ob es DIESEN TEXT in der Zielsprache (z.B. Englisch) oder in der de-kodierten Sprache (sei dies nun türkisch oder deutsch) hört, denn es versteht ihn. Übrigens gilt bei HÖREN/AKTIV das Gegenteil vom nächsten Schritt (wo wir passiv hören werden): Viele kurze „Sitzungen“ von wenigen Minuten (ein bis drei Durchgänge) bringen weit mehr, als eine Mammut-Sitzung von einer Stunde! Das nenne ich INTERVALL-LERNEN. Es nutzt einen neurologischen Zusammenhang: Immer wenn wir uns mit etwas befassen, arbeitet das Gehirn noch ein wenig nach (diese „Überstunden“ sind eigentlich „Überminuten“). Wenn wir also 5-mal je einige Minuten arbeiten, bekommen wir 5 mal kostenlose „Überstunden„, also sparen wir Real-Zeit. Allerdings müssen wir zwischen den einzelnen Übungsabschnitten Zeit verstreichen lassen. Beispiel: HÖREN/AKTIV Englisch, gefolgt von einer Matheaufgabe. Dann wieder HÖREN/AKTIV Englisch, gefolgt von ein wenig Bewegung plus eine Mathe-Aufgabe. So lernt man entspannt, und nützt das Prinzip des Invervall-Lernens für Mathe UND Englisch. Schade, daß viele LehrerInnen davon wenig wissen…

SCHRITT 3: HÖREN/PASSIV

Nun lassen wir die Stelle, die wir aktiv erarbeitet haben, die nächsten Tage so oft und so lange wie möglich NEBENBEI laufen, also während wir andere Dinge tun (für andere Fächer lernen, lesen, fernsehen, SMS-en, im Internet surfen etc.). Ob Raumklang oder Kopfhörer: Wir hören es LEISE, so daß der Ton „ausgeblendet“ werden kann, denn wir wollen bei PASSIVEM Hören genau genommen NICHT hinhören, deshalb konzentrieren wir uns auf andere Dinge. Es ist so ähnlich wie im Café, auch hier blenden wir die Stimmen der Leute an den Nebentischen aus, während wir die FAZ lesen. Bei diesem Lernschritt werden die NERVENBAHNEN aufgebaut, wie wir benötigen, um anschließend selbst zu sprechen, die Zielsprache zu LESEN etc. Merke: Diese AKTIVITÄTEN fallen nur solange schwer, wie die nötigen NERVENBAHNEN fehlen, danach fallen sie uns a) leicht und machen uns b) sogar FREUDE. Das kann aber nur feststellen, wer es selbst probiert!

SCHRITT 4: AKTIVITÄTEN = Unterricht

Selbstlerner müssen hier aktiv werden und sprechen, laut vorlesen etc., im Unterricht wird man jedoch automatisch dazu gezwungen…